====== Arbeitsschutz ====== ==== 1. Einführung ==== Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz gehören zu den wichtigsten Aufgaben jedes Unternehmens. Ziel ist es, Arbeitsunfälle, Berufskrankheiten und gesundheitliche Belastungen zu vermeiden. Gleichzeitig sollen Motivation, Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden der Beschäftigten gefördert werden. **Der Arbeitsschutz umfasst:** * Schutz vor Unfällen * Schutz vor gesundheitlichen Schäden * Prävention psychischer Belastungen * Gestaltung sicherer Arbeitsbedingungen * Förderung gesundheitsbewussten Verhaltens ==== 2. Rechtliche Grundlage ==== Rechtliche Grundlage in Deutschland ist unter anderem das: * Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) * Arbeitssicherheitsgesetz (ASiG) * Sozialgesetzbuch VII * Gefahrstoffverordnung * Betriebssicherheitsverordnung * Arbeitstättenverordnung * UVV der DGUV ==== 3. Arbeitsschutzgesetz ==== **Grundpflichten des Arbeitgebers (§ 3 ArbSchG)**\\ Der Arbeitgeber trägt die Hauptverantwortung für den Arbeitsschutz. **Er muss:** * Gefährdungen vermeiden, * Schutzmaßnahmen treffen, * Arbeitsbedingungen verbessern, * Sicherheit regelmäßig überprüfen **Wichtig:** Der Arbeitgeber muss die Maßnahmen: * planen, * organisieren * kontrollieren * dokumentieren **STOP – Prinzips**\\ **S** Substituieren (ersetzen)\\ **T**echnisch\\ **O**rganisatorisch\\ **P**ersönliche\\ Das STOP-Prinzip **Schutzmaßnahmen folgen einer Rangfolge:**\\ **S** – Substitution Gefährliches ersetzen **T** – Technische Maßnahmen z. B. Schutzvorrichtungen **O** – Organisatorische Maßnahmen z. B. Arbeitszeitregelungen **P** – Persönliche Maßnahmen z. B. Schutzhelm ==== 4. Gefährdungsbeurteilung (§ 5 ArbSchG) ==== Die Gefährdungsbeurteilung ist das Herzstück des Arbeitsschutzgesetzes. **Ziel:** Gefahren am Arbeitsplatz frühzeitig erkennen und verhindern.\\ **Beispiele für Gefährdungen:** * Lärm * Gefahrstoffe * Stress * schlechte Beleuchtung * Stolperstellen * psychische Belastungen **Ablauf:** * Gefahren erkennen * Risiken bewerten * Maßnahmen festlegen * Wirksamkeit prüfen * Dokumentation erstellen ^ Gefahr ^ Risiko ^ Maßnahme ^ Wirksamkeit ^ Bestätigt ^ | Hautreizung | Mittel | Handschuhe, Atemschutz | Gegeben | K. Meyer | | | | **Folgenschwere** |||| ^ ^ ^ Bagatellfolgen;\\ (Arbeitsunfähigkeit unter 3 Tage) ^ Verletzungs-/ Erkrankungsfolgen;\\ (Arbeitsunfähigkeit über 3 Tage) ^ bleibender Gesundheitsschaden ^ schwerer bleibender Gesundheitsschaden oder Tod ^ | ::: | nicht vorstellbar bis sehr gering | 1 | 3 | 6 | 10 | | ::: | gering | 2 | 5 | 9 | 13 | | **Eintrittswahrscheinlichkeit** | vorstellbar | 4 | 8 | 12 | 15 | | ::: | sehr hoch bis wahrscheinlich | 7 | 11 | 14 | 16 | ^ ^ | | | | | ||| ^ Risikowert 1-3: akzeptables Restrisiko ^ Risikowert 4-6: typisch personenbezogene Maßnahmen ^ Risikowert 7-10: typisch organisatorische oder personenbezogene Maßnahmen ^ Risikowert 11-13: typisch technische oder organisatorische Maßnahmen ^ Risikowert 14-16: technische Maßnahmen ^ Beispiel Gefährundsbeurteilung (Industriebetrieb) ^ Gefährdungsart ^ Beispiele ^ Bemerkungen ^ Risikowert ^ Maßnahmen ^ Bemerkungen ^ Veranlasst ^ | Ungeschützt bewegte \\ Maschinenteile | Spannfutter, Schleifscheibe, Sägeblatt | Bei anliegender Netzspannung | | Bei Prüfung fixieren, PSA tragen | Prüfung durch zweite Person | Datum_____ | **Dokumentationspflicht (§ 6 ArbSchG)** Unternehmen müssen wichtige Arbeitsschutzmaßnahmen schriftlich dokumentieren. **Dokumentiert werden:** * Ergebnisse der Gefährdungsbeurteilung * Schutzmaßnahmen * Unterweisungen * Unfälle und Maßnahmen **Unterweisung der Beschäftigten (§ 12 ArbSchG)** Beschäftigte müssen regelmäßig unterwiesen werden. **Inhalte:** * Sicherheitsregeln * Verhalten im Notfall * Umgang mit Maschinen * Gefahrstoffe * Erste Hilfe **Zeitpunkt:** * vor Arbeitsbeginn * bei Veränderungen * mindestens einmal jährlich | Nummer:\\ Stand: | **Betriebsanweisung**\\ Gemäß §12 Abs. 3 BioStoffV | Arbeitsbereich:\\ Klinikum | ^ Arbeitsunfälle mit Infektionsrisiko (z. B. Nadelstichverletzungen) ||| | **Definition:** Arbeitsunfälle mit Infektionsrisiko sind jegliche Stich-, Schnitt- und Kratzverletzungen der Haut durch Kanülen, Skalpelle etc., die mit Blut oder anderen Körperflüssigkeiten verunreinigt sind, **einschließlich** des direkten Kontaktes von potentiell infektiösem Material (Blut, Körperflüssigkeiten) mit der Schleimhaut von Mund, Nase und Augen sowie verletzter oder ekzematöser Haut. || | [!] **ACHTUNG** | **Infektionsgefahr mit Hepatitis B, Hepatitis C und HIV** | | [+] **ERSTE HILFE** | **Sofortmaßnahmen nach Arbeitsunfällen mit Infektionsrisiko**
Die Sofortmaßnahmen müssen unmittelbar nach der Verletzung/Kontamination erfolgen. Sie reduzieren das Infektionsrisiko bei sorgfältiger Durchführung entscheidend! || ^ Art der Exposition ^ Sofortmaßnahmen ^^^ | **Stich-/Schnitt-/Kratzverletzung** | **1. Ausbluten:** Blutfluß fördern durch Druck auf die Gefäße / das Gewebe oberhalb der Verletzung über ca. 1 Minute, ggf. Wunde spreizen.**2. Desinfektion:** Tupfer mit Händedesinfektionsmittel (Sterillium Virugard, Desderman, Sterillium, Spitacid) satt benetzen, über der Verletzung fixieren und durch fortlaufende Applikation des Desinfektionsmittels **10 Minuten** feucht halten. | | **Kontamination geschädigter Haut** | **1. Entfernen** des potentiell infektiösen Materials mit einem Händedesinfektionsmittel getränkten Tupfer.**2. Desinfektion:** Abreiben der Haut mit Händedesinfektionsmittel satt getränktem Tupfer/n (Sterillium Virugard, Desderman, Sterillium, Spitacid). Tupfer über **10 Minuten** feucht halten. || | **Kontamination des Auges** | **1. Entfernen** des potentiell infektiösen Materials durch Spülen mit dem nächsten erreichbaren Wasser von mindestens Trinkwasserqualität (Augendusche, Augenspülflasche, Wasserhahn) bei gleichzeitigem Zusammendrücken der Tränennasengänge. Auge nicht reiben!**2. Desinfektion:** Spülen des Auges mit 5%iger wässriger PVP-Jod-Lösung (Betaisodona-Lösung 1:1 verdünnt mit sterilem Aqua-dest. oder physiologischer Kochsalzlösung bzw. notfalls mit Leitungswasser).**3. Vorstellung beim Augenarzt.** || | **Kontamination der Mundschleimhaut** | **1. Entfernen** des potentiell infektiösen Materials durch sofortiges Ausspeien, nicht Schlucken.**2. Desinfektion** durch mehrfaches Spülen der Mundhöhle mit Octenisept oder Betaisodona-Lösung über jeweils 1 Minute. || ==== 5. Pflichten der Beschäftigten (§ 15 ArbSchG) ===== Auch Beschäftigte haben Verantwortung. **Mitarbeitende müssen:** * Sicherheitsvorschriften einhalten * Schutzkleidung tragen * Maschinen ordnungsgemäß benutzen * Gefahren melden * Kollegen nicht gefährden **Beispiel:**\\ Ein beschädigtes Kabel muss sofort gemeldet werden. **Besondere Schutzmaßnahmen** * Das Arbeitsschutzgesetz fordert: * sichere Arbeitsmittel, * ergonomische Arbeitsplätze, * geeignete Arbeitszeiten, * Schutz vor psychischer Belastung. ==== 6. Psychische Belastungen im Arbeitsschutz (seit 2013) ==== Psychische Gesundheit ist Teil des Arbeitsschutzes. **Beispiele:** * Zeitdruck * Überforderung * Konflikte * Mobbing * Schichtarbeit **Maßnahmen:** * realistische Arbeitsziele * Pausenregelungen * offene Kommunikation * gesundheitsfördernde Führung Eine 24-Stunden-Schicht erfordert laut deutschem Arbeitszeitgesetz (ArbZG) zwingend Arbeitsbereitschaft oder Bereitschaftsdienst. Reine Vollarbeit ist in diesem Umfang unzulässig. Der Arbeitsschutz sieht vor, dass die tatsächliche Arbeitszeit inklusive Überstunden im Durchschnitt höchstens zehn Stunden pro Werktag betragen darf.\\ **Gesetzliche Rahmenbedingungen und Pflichten**\\ **Maximale Arbeitszeit:** Die tatsächliche Arbeitszeit darf in einer 24-Stunden-Schicht maximal 10 Stunden betragen. Die restlichen Stunden müssen als Arbeitsbereitschaft oder Bereitschaftsdienst abgeleistet werden.\\ **Pausenregelung:** Es gelten die gesetzlichen Pausenzeiten nach dem Arbeitszeitgesetz. Ab 6 Stunden Arbeit sind mindestens 30 Minuten Pause vorgeschrieben, ab 9 Stunden sind es 45 Minuten.\\ **Ruhezeit:** Nach einer Schicht (egal wie lang) müssen Arbeitnehmer eine ununterbrochene Mindestruhezeit von **11 Stunden** einhalten.\\ **Ausnahmen in speziellen Branchen:** Solche Schichten sind typischerweise nur in Bereichen wie Rettungsdienst, Feuerwehr, Krankenhäusern, Pflege oder Sicherheitsdiensten erlaubt.\\ ==== 7. Zusammenarbeit im Arbeitsschutz (§ 8 ArbSchG) ==== Arbeitgeber und Beschäftigte müssen zusammenarbeiten. **Beteiligte:** * Arbeitgeber * Führungskräfte * Fachkräfte für Arbeitssicherheit * Betriebsärzte * Beschäftigte * Betriebsrat Eine **Fachkraft für Arbeitssicherheit (Sifa oder FaSi)** ist eine speziell ausgebildete Person, die Arbeitgeber beim **Arbeitsschutz, der Unfallverhütung und der menschengerechten Arbeitsgestaltung** berät und unterstützt. Sie ist eine zentrale Säule des betrieblichen Gesundheitsschutzes und gesetzlich im **Arbeitssicherheitsgesetz (§ 5 ASiG)** vorgeschrieben.  Die Fachkraft für Arbeitssicherheit ist kein Ausbildungsberuf sondern eine Sachkundeprüfung. Ein //Sicherheitsbeauftragter (SiBe)// ist ein normaler Kollege im Team, der die Aufgabe ehrenamtlich nebenbei übernimmt, um auf Gefahren im Alltag zu achten. Die //**Sifa**//hingegen ist die übergeordnete, speziell ausgebildete Fachperson, die strategisch berät und Gefährdungsbeurteilungen //**haftbar**// ausarbeitet. ==== 8. Überwachung und Kontrolle ==== Die Einhaltung des Arbeitsschutzgesetzes wird kontrolliert durch: * Gewerbeaufsichtsämter * Arbeitsschutzbehörden * Berufsgenossenschaften **Behörden dürfen:** * Betriebe kontrollieren * Unterlagen prüfen * Anordnungen erteilen * Bußgelder verhängen **Folgen bei Verstößen**\\ Verstöße gegen das Arbeitsschutzgesetz können führen zu: * Bußgeldern * Strafverfahren * Schadensersatzforderungen * Betriebsschließungen **Bedeutung des Arbeitsschutzgesetzes für Unternehmen**\\ Ein guter Arbeitsschutz: * senkt Unfallzahlen, * reduziert Fehlzeiten, * verbessert Motivation, * steigert Produktivität, * stärkt das Unternehmensimage. ==== 9. Praxisbeispiele ==== **Beispiel 1: Büroarbeitsplatz**\\ **Gefährdung** = falsche Sitzhaltung\\ **Maßnahme** = ergonomischer Stuhl, höhenverstellbarer Tisch\\ **Beispiel 2: Produktion**\\ **Gefährdung** = Maschinenverletzungen\\ **Maßnahme** = Schutzvorrichtungen, PSA(Persönliche Schutzausrüstung), Unterweisungen\\ **Beispiel 3: Psychische Belastung**\\ **Gefährdung** = dauerhafter Zeitdruck\\ **Maßnahme** = bessere Arbeitsorganisation, Pausenregelungen, Personalaufstockung ==== 10. Lernkontrollfragen ==== **Fragen**\\ - Was ist das Ziel des Arbeitsschutzgesetzes? - Welche Pflichten hat der Arbeitgeber? - Was versteht man unter einer Gefährdungsbeurteilung? - Welche Pflichten haben Beschäftigte? - Was bedeutet das STOP-Prinzip? **Antworten**\\ - Schutz der MA vor Unfällen und Krankheiten - Unfälle vermeiden, sichere Arbeitsbedingungen, Risken bewerten, Maßnahmen zur Arbeitssicherheit ergreifen - Stellen u. Arbeitsplätze nach möglichen Gefahren beurteilen, Maßnahmen vorschlagen und umsetzten - Anweisungen befolgen, keine Kollegen gefährden, Schutzausrüstung ordnungsgemäß tragen - Das STOP-Prinzip Schutzmaßnahmen folgen einer Rangfolge: S – Substitution Gefährliches ersetzen T – Technische Maßnahmen z. B. Schutzvorrichtungen O – Organisatorische Maßnahmen z. B. Arbeitszeitregelungen P – Persönliche Maßnahmen z. B. Schutzhelm